JobAct® S.O.S.Ensemble Berlin

Diese Jugendlichen hat der Ruf der Musen erreicht!

Bericht von Anne-Kathrin Holz (Jury Theatertreffen der Jugend 2019)

JobAct® gibt es in vielen Städten, es sind geförderte Projekte, deren Inhalte vom Bewerbungstraining bis zum Kunstprojekt reichen und bei denen sich Menschen in schwierigen Arbeits- und Lebenssituationen neue Chancen in gemeinsamer Arbeit mit Profis erschließen können.

In Berlin riefen, im Auftrag der Musen, die Projektfabrik und die Schule der Sozialen Kunst junge Leute auf, die unter 25 Jahren sind und aus Charlottenburg-Wilmersdorf kommen, in einem sozialkünstlerischenProjekt mitzuwirken. 25 Jugendliche haben sich gemeldet für ein Theaterprojekt, das sie ernst nimmt und ihre Interessen und Kompetenzen hervorzaubert.

Sie sind Teil eines kreativen Teams geworden, in dem sich jede*r auf die*den andere*n verlässt, eine*r für die*den andere*n ein*e Coach*in sein kann.Das JobAct® S.O.S. Ensemble Berlin, das sind keinesfalls Jugendliche, die das Theaterspielen quasi schon immer im Kopf hatten. Das sind nicht junge Leute, die bereits mit sieben Jahren einen Drang zur Bühne verspürten oder schon immer den Wunsch hatten, sich mit großer Theaterkunst, dramatischen Stoffen, gar Regiekonzepten und dramaturgischen Kniffen zu beschäftigen. Die Mitglieder des JobAct® S.O.S. Ensembles Berlin sind vielmehr Jugendliche, die verschiedentliche Kämpfe im Leben führen müssen. Diese Jugendlichen hat der Ruf der Musen erreicht.Für sie hieß es nun tägliches Theater-Training, viel Gemeinsamkeit, große Herausforderungen durch ungewohnte Teamarbeit. Und so haben sie gelernt, nicht nur mit-einander gut klarzukommen, sondern auch über sich hinauszuwachsen.

Über Monate hinweg, Schritt für Schritt, gelang es ihnen, gemeinsam mit ihrer Regisseurin, einem Sozialcoach und einem Sozialkünstler, die ihnen stets fordernd und fördernd zur Seite standen, einen Theaterabend zu entwickeln, der unfassbar komisch daherkommt, ein irres Spiel mit dem Blauen in allen Theaterdingen präsentiert, in dem mit hässlichen Perücken und stöckelnden Damenschuhen, mit Stockkämpfen und rasanten Kostümwechseln der Komödie des Molière zu Leibe gerückt wurde. Und wenn man anfangs noch dachte, warum nehmen sie sich denn ausgerechnet diesen fernen Stoff, der im barocken Hofzeremoniell und der Künstlichkeit höfischer Umgangsformen zu Hause ist, warum dieser in Versen gesetzte formstrenge Text, der sich einem einfachen Zugriff, einem schnellen Verständnis verweigert, dann bemerkt man schnell, dass die scheinbare Ferne die Suche nach den Brücken ins Eigene der Spielenden provoziert.

Verstellung und Lüge, mit der sich die Figuren des Molière permanent auseinandersetzen müssen, um mit ihresgleichen zurecht oder eben nicht zurechtzukommen, sie finden sich wieder in den Selbstoptimierungs-strategien und der Selbstinszenierungssucht, die Jugendliche heutzutage, verstärkt durch die ständige Präsenz der Sozialen Medien, durch Snap-chat, Instagram und Facebook, nicht nur kennen, sondern in deren Einfluss sie erwachsen werden.Das Ensemble trumpft auf mit klaren dramaturgischen Entscheidungen,heftiger Spielfreude und einer durchlässig wirkenden Spielweise, die die einzelnen Spieler*innen in ihrer Persönlichkeit und Individualität stets sichtbar bleiben lässt.
 
Herzlichen Glückwunsch!

Das Ensemble über sich und die Produktion

K A T E Wir trafen das erste Mal im März 2018 aufeinander. Die Spielleiter*innen auf die Schauspieler*innen.

Z I O N Ich muss unweigerlich an den Moment denken, in dem ich das signalrote Emblem des S.O.S. Ensembles entdeckte, wie ein Rettungsring schien es mich an, als ich im grauen Meer des Jobcenters auf ein nächstes sinnloses Gespräch wartete. STIRB ODER SPIEL. So essenziell, so echt. Mein Blick heftete an dem Flyer. Leben durchzuckte mich. Hoffnung flammte auf. Könnte ich dort womöglich hingehören?!

K A T E Zu diesem Zeitpunkt war uns aber noch nicht wirklich bewusst, dass wir in den kommenden Monaten tatsächlich und ganz wirklich in die Rollen echter Schauspieler*innen schlüpfen würden und uns dies sogar auch gelingen würde. Es ging viel eher darum, einen Ort für „die Jugendlichen“ zu schaffen, die sonst überall rausfielen.

Z I O N Unsicher und gespannt betrat ich unseren Trainingsraum. Die Tage und Wochen vergingen und mit jedem Tag, den ich mit dem Ensemble verbrachte, wuchs meine Gewissheit, dass es noch mehr Menschen gab, die sich so fühlten wie ich. Ganz gleich, aus welchem Leben sie kamen. Die Proben wurden zu einem Raum der Begegnung und des Wandels. Es war ein Suchen, doch nicht mehr allein.

K A T E Was mit der Zeit daraus wuchs, war sehr beeindruckend für alle Teilnehmenden. Es bildete sich ein wirkliches Gefühl füreinander.

Z I O N Es wurde zu einer Herausforderung und gleichzeitig zu einer Belohnung. Denn jede*r von uns brachte ihr*sein eigenes Päckchen an Erfahrungen und Geschichten mit, an denen man sich stoßen konnte, von denen man aber im weiteren Verlauf einige doch als Geschenk verstand. Denn nicht alles ist so, wie es scheint.

K A T E Spannend wird es dann, wenn man Interesse, später Begeisterung für den ausgewählten Stoff entwickelt.

Z I O N Molière, hieß es, würde uns nun leiten und ich war erstaunt, wie gut es ging, ihn als Teil der Gruppe zu etablieren. Wir erforschten seine Worte und Ansichten. Sie brachten uns zum Nachdenken und auch oft zum Schmunzeln, denn mag dieses Stück auch noch so alt sein, wir fanden uns oft genug in ihm wieder.

K A T E In der Figuren-Entwicklung des Alceste und auch der Ariane Mnouchkine verstand ich auf anderem Wege, wie viel die Zeit von Molière’s „Menschenfeind“ und auch die Zeit der Ariane Mnouchkine mit unserer Gegenwart gemein hat. „Der Menschenfeind“, der uns die Geschichte eines Mannes näher bringen soll, der die Oberflächlichkeit und das ständige untereinander Intrigieren kaum mehr erträgt und aus der gesellschaftlichen Anpassung ausbrechen will. Der zu Molière’s Zeiten bekannte Blaue Salon, der dazu diente, sich miteinander auszutauschen und zu vernetzen, spiegelte mir immer wieder Parallelen zu unserer Gegenwart und Gesellschaft wider, die sehr von den Sozialen Medien geprägt sind. Kaum ein Mensch wacht morgens auf und sucht nicht gleich schlaftrunken nach seinem Smartphone. Es ist fast schon undenkbar, nicht ständig und überall möglichst über alles informiert zu sein. Ob Unterschiede gemacht werden zwischen den „echten“ oder den „falschen“ News, ist nicht einmal voraus- gesetzt. Es geht vor allem ums Dazugehören. Was Wirklichkeit ist und was Illusion, ist nicht mehr sichtbar. Grenzen verschwimmen ineinander. Echte Begegnungen sind kaum mehr möglich. Alceste, der immer wieder mit der Selbstidealisierung anderer konfrontiert wird, fühlt sich unweigerlich verloren und kämpft wie ein lautes Kind gegen diese ihm auferlegte Illusion von Beziehung und Begegnung an.

Z I O N Das Ensemble und das Stück „Der Menschenfeind“ brachten mir den Gedanken näher, aufgeschlossener an Dinge oder Menschen heranzutreten. Denn auch in den unbeliebtesten Charakteren schlummert doch ein echter verletzlicher Herzensbeweggrund. Ich denke, das hat meine Sicht auf viele Situationen verändert.

K A T E Die Figur Ariane Mnouchkine, die uns im Laufe der Inszenierung und der Ensemble-Bildung immer wieder begleitete und uns eine interessante und reflektierte Sicht aufs Miteinander schenkte, machte die Produktion des „Menschenfeind“ zu einer Erfahrung, die über uns hinausging.

M N O U C H K I N E Das Theater ist mehr als ein Ort, wo man an der Kasse gegen Geld eine Vision bekommt und damit zurück nach Hause geht. Es ist ein Ort, wo die Welt sich neu erlebt und neu denkt. Ein Ort, wo die Welt sich transformiert. Im Theater können die Transformationskräfte beschworen und aufgeteilt werden. Und so breiten sich diese Kräfte auf eine bescheidene und mysteriöse Art in der Welt aus.

Z I O N Don’t judge, accept! Das ist mein persönliches Motto, wenn ich an die Ensemble-Arbeit denke. Sich als ein Teil der Gruppe zu sehen. Eine Gruppe zu haben, in der jedes Mitglied gleich wichtig und richtig ist, hat mir den Mut gegeben, an neue Ziele zu glauben.

K A T E Stirb oder Spiel halt.

Z I O N Stirb oder Spiel. Der Moment, in dem du hinter der Bühne stehst und dein Herz so wild schlägt, dass du meinst, es springt dir jeden Moment aus der Brust, und dann ist es so weit. Ihr fasst euch an den Händen und schaut euch noch einmal in die Augen, dir ist nach Weinen und Lachen. All der Stress ist vergessen, alles ist jetzt, du siehst in die Runde und bedankst dich im Stillen, und du weißt, du bist nicht allein. Du wirst zum Wir, und wir sind ein Ensemble.

Das Plakat zur Premiere in 2018

Finale!

Erfolg für MENSCHENFEIND

Ein Traum wird war!

Das JobAct® S.O.S. Ensemble hat es tatsächlich geschafft. Wir sind beim Theatertreffen der Jugend Ende Mai 2019 dabei! Wir freuen uns unglaublich und bedanken uns fürs Daumendrücken!

Mehr Infos hier:
www.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen-der-jugend/programm/programm-2019/auswahl/auswahl.html

Das JobAct® S.O.S. Ensemble
SUCHT noch 5 Schauspielbegeisterte!

  • Du bist unter 25?
  • Du willst über dich hinauswachsen?
  • Du spielst, sprichst, singst, tanzt gern oder machst Akrobatik?
  • Du willst Teil einer Gruppe sein?
  • Komm vorbei oder ruf uns an: 01631457643

Wir bieten ab März - 8 Monate lang - täglich:

  • Schauspieltraining
  • Einzelcoaching
  • Arbeit mit Vollprofis aus Tanz, Musik, Theater
  • Teilnahme-Zertifikat (bei regelmäßiger Teilnahme)
  • Theateraufführung im Juni 2019

Nach unserer grandiosen ersten JobAct® S.O.S. Ensemble Premiere im Oktober trainieren wir wieder jeden Tag von 10 - 14 Uhr, wie immer im Jugendtreff EICHE, Eichenallee 47, 14050 Berlin (U2 Neu-Westend).

Eine Regisseurin, eine Sozialkünstlerin, ein SozialCoach. Wir werden künstlerisch mit dir arbeiten. Du wirst deine individuellen Schwierigkeiten angehen und im besten Fall überwinden.

Das ist wie 'ne Weltreise, nur im Innern. Gönn' dir!
Zitat eines Teilnehmers

KUNST. Hallo Jugend. Ich weiß, du bis Gold wert. Ich will deine Flamme brennen sehen.

JUGEND. Hallo Kunst, was willst du von mir? Ich hab genug Probleme!

DEPRESSION. Hallo Jugend, ich bin die Antwort auf die allgegenwärtige Sinnlosigkeit des Lebens!

JUGEND. Hallo Depression, ich kann dir nicht widerstehen, du bist meine Krankheit. Schon seit längerem. Ich hab Dich lieb gewonnen.

KUNST (kitzelt die Depression, richtet sich an die Jugend). Papperlapapp, wach auf, stell den Wecker, steh auf einem Bein, du bist ein Unternehmer. Es gibt viel zu tun. Pack‘s an!

DEPRESSION. This is the end!

Foto: Rainer von Dziegielewski

Das sozialkünstlerisches Projekt in Berlin

„Stirb oder Spiel“

Im Oktober 2018 startete zum zweiten mal das JobAct® Ensemble „Stirb oder Spiel“ für junge Menschen aus Berlin Charlottenburg/Wilmersdorf. Das Ensemble ist ein sozialkünstlerisches Projekt der Projektfabrik nach §16h SGBII im Auftrag der JBA des Bezirkes.

Junge Menschen zwischen 15 und 25, vom Schulabbrecher bis zum Abiturient ohne Orientierung, arbeiten 9 Monate an der Inszenierung eines Theaterstückes.

Das Team (Regie, Sozial Coaching, Soziale Kunst, Projektleitung) übt sich im posen!

Team

Agathe Chion als Regisseurin, René Erler als Sozialcoach und Rahel Savoldelli als Sozialkünstlerin.

Das Team arbeitet täglich in der EICHE, Eichenallee 47, 14050 Berlin von 10.00 – 14.00 Uhr.

Unter 0163 1457643 oder sos_ensemble@projektfabrik.org erreichen Sie das Team, um einen Projektbesuch, eine Schnupperstunde oder ein weiterführendes Gespräch zu vereinbaren.